Der erste Anzi

Und ich lief durch die finstere Nacht, über Stock und über Stein, sprang über knöcheltiefe Pfützen hinweg und versuchte mich nach jeder Landung an meine neuen Beine zu gewöhnen. Jeder Schritt war ungewohnt und neu für mich, doch hier war ich nun, inmitten eines der wenigen Wälder, die Varn zu bieten hat und rannte wie ein Geisteskranker. Doch nicht ohne Grund, denn wäre ich stehengeblieben, hätten sie mir das Fell über die Ohren gezogen. Und Fell, bei den Göttern, hatte ich seit neuem mehr als genug. Ich war zu einer Bestie verkommen und hatte Schändliches getan. „Willst du, dass sie ebenso leidet, wie du es ihretwegen musstest? Willst du ihr das Herz aus der Brust reißen und genauso sorglos damit umgehen, wie sie es mit deinem tat?“, hatte er gefragt. Hätte ich gewusst, dass er dies wörtlich meinte, wäre ich niemals darauf eingegangen. Ich hätte seinem Vorschlag nie zustimmen sollen! Doch er erwischte mich in einem Moment voller Schmerz und seelischer Wunden. Ich hatte alles für sie getan, aber was tat sie? Sie behandelte mich wie einen dummen Hund. Gehorchte ich wider Erwarten einmal nicht, da ich ihrer Ablehnungen überdrüssig geworden war, warf sie mir wieder einen Knochen zu und ich sprang voller Entzücken. Welch erbärmlicher Idiot ich doch war, dass ich ihre wahre Natur nicht erkannte. Sie war ein Biest gewesen und trat auf mich ein wie auf Abschaum. Doch solch ein Ende wünschte ich ihr nicht … Egal, wie schlecht sie mich behandelt hatte. Nun war ich das Biest, auch wenn sie mehr oder weniger schuld daran war. Wäre mein Herz nicht ihretwegen gebrochen gewesen, hätte ich diesen Funken der Hoffnung nicht sehnsüchtig gepackt, wie ein Bettler gierig den zähen, alten Laib Brot, den man ihm vor die Füße wirft. „Dir wird es danach besser gehen, glaube mir mein Freund. Dieses Angebot habe ich noch niemandem zuvor gemacht.“ Aber wieso gerade mir? Wieso gerade mir … Diese Frage werde ich mir noch bis ans Ende meines Lebens stellen. Er reichte mir diesen seltsamen, schwarzen Splitter und plötzlich hagelten Lichtblitze auf mich ein. Höllenqualen durchfuhren meinen ganzen Körper wie tausend heiße Nadeln, während dieser seltsame Stein mit mir verschmolz.

Tage verstrichen und ich wachte in meinem Bett im obersten Stock meines Elternhauses auf. Die Sonne strahlte durch das Fenster und stahl mir den Schlaf. Ich streckte mich und spürte die allgemeine Verspannung, die sich durch jedes meiner Glieder zog. Die Augen noch verklebt, rieb ich mir mit den Fingern das Gesicht, um irgendwie munterer zu werden. Doch etwas stimmte nicht. Ich erschrak und schrie laut auf. Blut, überall Blut. In meinem Bett lag ein halb getrocknetes Meer des roten Lebenssaftes, als hätte ich ein Schwein darin geschlachtet. Ebenso auf meinen Klauen … Auf meinen Klauen? Aber auch in meinem dicken Fell und meine Hufe waren auf und auf mit Dreck besudelt. Was war hier bloß los? Ich war ein Mensch gewesen und kein zotteliges Wesen mit Hufen und Klauen! Mein Herz, es schlug wild und mir blieb die Luft weg. Doch es pochte nicht in meiner Brust. Mein Blick wanderte ans andere Ende des Raumes, wo ich in einem verkorkten Topf etwas rhythmisch schlagen hörte. War dies ein schlechter Traum? Ich schlug die Hände … oder besser die Klauen vor das Gesicht und wünschte es mir wahrlich von tiefstem Herzen, dass mir das Land des Schlummers einen schlechten Streich spielte. Doch meine Klauenspitzen erfühlten das nächste Kuriosum meiner neuen Gestalt. Hörner! Links und rechts ragte jeweils ein Horn aus meinem Schädel! Das einzig Gute an meiner neuen Gestalt waren meine angeschwollenen Muskeln, doch darüber konnte ich mich in Anbetracht der restlichen Veränderungen kaum freuen. Mit aller Kraft zog ich an ihnen, um sie irgendwie loszuwerden. Außer Schmerz hatte ich jedoch nichts erreicht. Ich wurde wild, ich wurde rasend. Ich sprang aus dem Bett und stampfte voller Wut auf die Holzdielen. Dieser Zorn in mir weckte jedoch Erinnerungen an die Nacht, in der all dieses Blut vergossen wurde. Der fremde Dämon, der aus heiterem Himmel inmitten der finsteren Nacht in meinem Zimmer stand, hatte nicht untertrieben. Sie hatte so gelitten, wie ich es tat. Jedoch mehr körperlich, als seelisch. Und als ich daran dachte, was ich ihr angetan hatte, verflog meine Tobsucht vollkommen und ich sank empört und geistesabwesend auf die Knie. Hatte ich das wirklich getan? Mir wurde übel, mir wurde schlecht. Plötzlich breitete sich der Geschmack von Blut in meinem Mund aus. Die Konsistenz war zäh und … ich wollte gar nicht weiter daran denken. Es schlug noch, als ich meine Zähne hineingeschlagen hatte. „Willst du ihr das Herz aus der Brust reißen und genauso sorglos damit umgehen, wie sie es mit deinem tat?“

Ich floh, so schnell ich konnte. Als Ungetüm konnte ich hier nicht weiter leben. Ich wollte es nicht einmal, denn jede Einzelheit dieses Ortes hier hätte mich an sie erinnert. Als mich die Leute entdeckt hatten während ich das Haus verließ, warfen sie mir grässliche Namen an den Kopf. Jemand hatte mich wohl letzte Nacht gesehen und das Gerücht über ein fremdartiges Wesen hatte sich wohl verbreitet wie ein Lauffeuer. Werteufel fiel am häufigsten. Pfeile sausten mir um die Ohren, Steine, alles mögliche. Ich tat gut darin, zu fliehen, sonst wäre ich nun wohl nicht mehr. Schon immer zog es mich in die Wälder. Bereits als kleiner Bursche war ich am liebsten zwischen den Bäumen und genoss den Geruch, der mich dabei umschwärmte. Doch welcher Wald wäre besser dafür geeignet gewesen, als die ewigen Wälder Fansteins? Sie hatten mich schon immer interessiert und nun, wo ich meine Füße endlich richtig einsetzen konnte, war ich schneller wie der Wind. Ich hatte alles zurückgelassen, mein ganzes Hab und Gut, außer dem Topf, in dem mein Herz nun schlug. Doch wenn darin wirklich mein Herz lag, inmitten des ganzen Sandes, was schlug dann in meiner Brust? Nichts? War ich tot?

Im Einklang mit den Wäldern begannen irgendwann die Geister mit mir zu sprechen. Sie erzählten mir von Dingen, die sonst niemand mehr wusste. Von längst vergessenen Tagen und Helden. Sie erklärten mir, was ich war, auch wenn ich es bis heute nicht verstehe: Ein Anzi. Ich wurde weiser und weiser, doch nicht weise genug, wie es sich bald darauf herausgestellt hatte. Nach Jahren der Einsamkeit, in der ich bloß die Wälder erkundete, mit den Geistern sprach und mir einen Platz für meine Behausung gefunden hatte, fand mich ein Wandersmann. Er behauptete, er habe in seinen Träumen von mir erfahren und hatte mich nun schon seit bereits drei Jahren gesucht. Seinen Aussagen nach zu urteilen, glaubte er nicht an die Horrorgeschichten über den Werteufel. Er glaubte seinen Träumen, die behaupteten, dass es sich bei mir nur um ein gebrochenes Herz handelt, so wie bei ihm, und ich die Fähigkeit besitze, auch ihn zu einen von meiner Sorte zu machen. Konnte ich dies wirklich? Ich hatte Angst davor, ihn dabei zu töten. Immerhin würde ich wohl auch sein Herz entfernen müssen. Doch er flehte mich an. Lieber würde er bei dem Versuch sterben, als weiterhin so zu leben. Ich hätte seine Beweggründe weiter hinterfragen sollen, doch so begann die Geschichte des zweiten Anzis … was ein großer Fehler war.

VTT

2 Kommentare zu „Der erste Anzi

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