Du fehlst

NachthimmelFlaschenploppen, gefolgt von Gläserklirren. Zwei schäumende Biere, Schluck für Schluck gleiten sie zischend durstige Kehlen hinab. Zwei synchrone und befriedigte „Aaaahh“ ertönen; ich lecke mir die Lippen und entferne vereinzelte Tropfen aus dem spärlichen Flaum. Die Nacht ist finster, die Sterne zahlreich und hell. Außer uns, dem Rauschen des Meeres, einer unglücklichen Motte, die brutzelnd von unserer Kerze verschluckt wird, gibt es nur die ewige Weite dieser Welt und unserer Gedanken. Wir plaudern. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Sind wir alleine auf dieser Welt? Wo werden wir in zehn Jahren sein? Seltsam … egal wie tiefgründig unsere Gedankengänge auch sind, wir streifen immer wieder das mysteriöse Thema der Liebe. Du erzählst mir alte Geschichten aus deiner Jugend und sagst es zwar mit keinem Wort, doch aus dem Kontext lässt sich ganz gut herauslesen, was für ein Filou du damals doch warst. Heute sitzen wir hier und ich erlebe selbst solch turbulente Phasen wie du damals. Es scheint egal, wie alt man ist, denn jeder muss dieselben Etappen im Leben meistern. Du gibst mir Ratschläge, Tipps und ich lausche deinen Worten wie ein Lehrling seinem Meister. Doch wir haben eine ganz andere Beziehung zueinander und dieses Gespräch ist eines von vielen, die bereits waren und von vielen, die noch kommen. Wie viele Stunden verbrachten wir bereits gemeinsam auf Reisen? Grandiose Panoramen, die nicht unbeachtet an uns vorbeizogen wie Wolken am Himmel und mit großen Staunen bewundert wurden. Wulstige Felsformationen, strahlend blaue Lagunen, Wälder, wohin das Auge reicht. Du hast mir so viel gezeigt, so vieles beigebracht, so vieles verständlich gemacht.
Plötzlich huscht eine Eidechse knapp an meinen blanken Zehen vorbei, kämpft sich durch die langen Piniennadeln wie ein Schiff durch Meereswogen und reißt mich unsanft aus meinen Tagträumen. Beinahe wäre das Bier geflogen.
Das Schuppentier erinnert mich an die Molche in unserem Teich. Ja, den Teich, den du im Schweiße deines Angesichts mit eigenen Händen ausgehoben und gehegt und gepflegt hast – wie auch den Rest unseres wunderschönen Gartens. Nun ist er zugeschüttet, warum weiß ich auch nicht mehr so genau. Das Einzige, das ich noch weiß, ist, dass es dir im Herzen wehtat. Aber alles untersteht dem Wandel der Zeit, alles kommt, alles geht. Selbst die Berge, die am Horizont finster aus dem Meer ragen und nur durch die fehlenden Sterne zu erahnen sind, werden irgendwann einmal nicht mehr sein. Unvorstellbar, aber es ist die Wahrheit. Genauso unvorstellbar ist es für mich, dass ich hier alleine sitze, zwei Biere doch nur eines sind. Selbst im dunkelsten Tal deiner Lebenszeit hast du das Lachen nie vergessen, hattest immer Hoffnungen, Träume. Und ich verzweifle an Kleinigkeiten verglichen zu deiner erlittenen Pein.
Die Welt ist finster, doch wenn ich mich dafür entscheiden sollte, was ich am meisten vermisse, dann wäre es nicht das Licht dieser Welt, sondern unsere gemeinsamen Gespräche. Tiefgründig klingt vielleicht hochtrabend, als wären wir Philosophen aus alter Zeit gewesen, doch in meinen Augen standen wir ihnen in kaum etwas nach. Viele Tage und Nächte saßen wir beeinander und jetzt bereue ich es – es schmerzt mich wie ein Dorn im blanken Fuß -, dass ich in den letzten Jahren so wenig Zeit für dich hatte. Dabei hast du dich nicht einmal davor gescheut, es mir zu sagen. Du würdest dich freuen, wenn ich mich ab und an melde … aber ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt …

Man weiß erst, was man hat, wenn es einem fehlt. Und du fehlst mir, Papa. Du fehlst mir jeden Tag.

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