Der Gnom, der den Winter stahl – Teil 1

Heute starten wir mit dem ersten Teil meiner Kurzgeschichten-Reihe „Der Gnom, der den Winter stahl“. Für alle, die sich lange gewundert haben, was denn dieses Jahr mit der für gewöhnlich schneereichen und kalten Jahreszeit los ist, hier habt ihr die Erklärung.

Ach ja, fast hätt ich’s vergessen: Gnom ist politisch inkorrekt, Dwygel wäre die richtige Bezeichnung für dieses kleinwüchsige Volk.

1

Der Wind zerrte mit tausenden kleinen Fingern an seinen Haaren und ließ seine Locken wild umherspringen, jede Welle klagte lautstark, als der Bug des Schiffes sie brach. Seine Tochter, kaum älter als drei Jahre alt, begleitete ihn auf der Suche nach einem Heilmittel. Es war sein erstes Mal auf See und würde wohl auch das letzte Mal sein, denn der Dwygel hatte sein gesamtes Erspartes in diese Überfahrt gesteckt und die sicheren Häfen von Karlitien verlassen. Diese Reise war die einzige Möglichkeit, seiner Tochter das Leben zu retten. Keiner in Karlitien wusste ihr zu helfen. Ob es daran lag, dass die Dwygel nicht unbedingt für ihre medizinischen Fähigkeiten bekannt waren, oder ob es einfach ein unbekanntes Leiden war, wusste er nicht. Das Einzige, das er wusste, war, dass er sie auf keinen Fall verlieren wollte. Mylea war das letzte Geschenk, das ihm seine Frau hinterlassen hatte und solch ein tragisches Schicksal hatte das Kind nicht verdient.
Er war auf der Suche nach einem Alchemisten. Eigentlich war es nicht irgendein Alchemist, es war kein Geringerer als der Hofalchemist Philitiens. Bekannt dafür, Seuchen und Krankheiten mit seinen Tränken die Stirn zu bieten, war er der Auserkorene, der seine Mylea retten sollte. Doch das Land war noch nicht einmal am Horizont auszumachen, ihre Reise hatte erst begonnen. Also starrte Thomes in die unendlich scheinende Weite des Ozeans.

„Aufwachen, wir sind da“, rief jemand äußerst unsanft in das kleine Kämmerchen, in dem sie sich zurückziehen durften, nachdem er die Tür lautstark aufgerissen hatte.
Eng an seine Tochter gekuschelt rieb Thomes sich die Augen. Er wusste nicht, wie spät es war, es war finster hier und das einzige Licht kam von der nun offen stehenden Tür. Sie hatten ihnen weder Ölfunzel, noch eine Kerze, noch sonst etwas gegeben. Er fühlte sich wie ein minderwertiges Tier und das Stroh, auf dem sie geschlummert hatten, juckte und piekte ihn. Ein normales Bett wurde ihnen nicht vergönnt. Die beiden Händler, die ebenfalls mitfahren durften, bekamen sogar ein schönes Zimmer und Betten mit frischen Laken, obwohl sie bestimmt nicht mehr Münzen springen hatten lassen, als er es getan hatte. Erneut fühlte er Zorn aufgrund dieser Ungerechtigkeit. Egal, ermahnte er sich geistig. Hauptsache, wir sind da. Ich sollte mich nicht aufregen … Mylea zuliebe. Diesen Groll, den die Menschen gegenüber seinem kleinwüchsigen Volk hatten, hatte der Dwygel noch nie verstanden. Warum hackte das großgewachsene Volk nur so auf ihnen herum? Waren sie nicht alle Kinder der göttlichen Mutter Thulia?
Seine Tochter hustete vom feinen Staub des Strohs. „Morgen, Papa“, sagte sie mit piepsender Stimme und dem zuckersüßen Lächeln, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Er war heilfroh, dass sie mehr von ihr, als von ihm hatte – zumindest vom Aussehen.

Phistol war eine wunderschöne Stadt, auch als die Weiße Stadt bekannt. Überwältigt und verängstigt vom lauten Treiben, drückte Mylea seine Hand noch fester und klebte regelrecht an seinem Bein. „Du brauchst keine Angst zu haben, Schätzchen.“

Mylea war in der Regel ein mutiges Kind, doch die Spannung in ihres Vaters Stimme stimmte sie nicht weniger nervös. Er hatte Angst vor der Begegnung mit dem Alchemisten. Konnte er seiner Tochter denn überhaupt helfen? Konnte ihr überhaupt jemand helfen? Es lag alles an diesem einen Mann. All seine Hoffnungen und Wünsche konnten aufgrund dieses Mannes entweder verdorren oder erblühen.
Doch leider waren das Sorgen, die Thomes sich auch später hätte machen können, denn als erstes musste er dem Alchemisten überhaupt begegnen, was sich als schwierige Aufgabe herausstellte. Das Schloss der Lichtkönigin, in dem auch der Alchemist residieren sollte, war schwer bewacht. Die Bitte des Dwygels, ihm Einlass zu gewähren, wurde prompt abgelehnt. Die Wachen verspotteten den kleinen Mann sogar, schimpften mit ihm und beleidigten den Dwygel als „Gnom“ und als „Mannkind“ – alles Bezeichnungen, die ziemlich unter die Gürtellinie gehen. Er sollte gefälligst mit seiner grässlichen Tochter verschwinden, was den Dwygel – Dwygel sind ein äußerst stolzes Volk, muss man wissen – zur Weißglut brachte.
„Ihr elenden Schweine! Soll ich euch die Hölle heiß machen, oder -“
Doch seiner Schimpftirade wurde schnell Einhalt geboten, als der Knauf des Schwertes gegen seine Stirn prallte. Blutüberströmt fiel er rücklings zu Boden und seiner Tochter schossen bittere Tränen in die Augen. „Papaa!“, plärrte sie und ihre Stimme überschlug sich weinerlich.
„Schafft mir diese räudigen Hunde aus den Augen“, befahl derjenige, der für den Schaden verantwortlich war und wischte sich das Blut am Knauf in seinen Umhang.
Einer der Männer, scheinbar ein rangniedrigerer als der andere, setzte sich in Bewegung und bückte sich bereits nach den beiden. Angewidert zog er seine Oberlippe nach oben, packte das Mädchen an den Haaren und den Dwygel am Kragen. Mylea kreischte laut wie am Spieß. Doch dann hob ihr Vater die Hand. „Halt … wir gehen schon. Wir gehen …“
Der Griff beider Hände löste sich. „Will ich euch auch raten, verfluchte Mannkinder“, sagte er und der Vater der kleinen Mylea fiel wieder auf den Rücken. Ein lautes Seufzen entwich ihm und hinter seinen verschlossenen Lidern schien sich alles zu drehen.
„Papa, komm, Papa“, nuschelte sie und tätschelte ihm fürsorglich den Kopf, der ihm dröhnte wie ein Gebetsgong.
Voller Anstrengung öffnete er langsam seine Augen und sah noch immer die grimmigen Gesichter der Wachmänner. Geduld schien ihnen fremd zu sein. Mühsam rappelte er sich auf und wankte mit Mylea von dannen.
Passanten, die das Spektakel mitangesehen hatten, tuschelten miteinander. Manche gönnten dem Mannkind, was ihm widerfahren war, andere schimpften sogar aus der Ferne. Was war nur der Grund dafür, dass man Dwygel so verachtete? Was war nur der Grund dafür … ?
Beschämt zog er sich in eine finstere Seitengasse zurück, fern von all den finsteren Blicken. Gegen eine Wand gelehnt ließ er sich fallen, schloss die Augen und Tränen traten hervor. Tränen von gebrochenem Stolz, Tränen von Hass gegen das Menschenvolk und Tränen von Trauer, Leid und Angst. Seine Tochter würde sterben, er hatte versagt …
Mylea setzte sich neben ihn, lehnte ihren Kopf an seine Schulter und machte ein beruhigendes „Psssch … Psssch …“, das ihre Mutter immer machte, wenn sie geweint hatte. „Nicht weinen, Papa.“
Mit einem Ruck umarmte er das Kind, drückte es fest an sich und küsste sie am Scheitel. Ihre Haare rochen wie die ihrer Mutter. „Ich hab dich lieb, Mylea …“
Lächelnd lehnte sie sich zurück und sah ihm tief in die Augen. „Ich dich auch, Papa.“ Dann begann sie plötzlich herzhaft zu gähnen.
„Bist du müde?“ Er machte sich Sorgen. War das wieder ihre Krankheit, die ihre kalten Finger nach ihr ausstreckte? Erst als sie nickte, bemerkte er wieder ihr Leiden. Ihre stete Müdigkeit und Kraftlosigkeit war eine Bürde und sie hatte Ringe unter den Augen, als schliefe sie stets schlecht. Dabei ruhte sie mehr als jede Katze. Ihre Augen wurden dunkel, als erlosch alles Licht in ihr und plötzlich war sie wieder im Land der Träume. Wann sie wieder aufwachen würde, war immer ein Rätsel. Doch das größere war, ob sie wieder erwachen würde. Und sein Herz begann schon wieder zu stolpern. Einerseits aus Angst, andererseits aus Hoffnung, dass sie bald von ihrem Leid erlöst sein würde. Sie hatte so ein Leben nicht verdient. Der Alchemist war außer Reichweite, war bereits Geschichte für die beiden, also konnte nur noch der Tod sie erlösen. Doch dieser schien sie lieber zu quälen, sie im Schlaf zu schütteln und ihr Krämpfe zu schenken, sodass sie nach Luft ringend wieder aufwachte. Er spielte mit ihr. Und auch mit ihm …

2

Der Abend war angebrochen, als sie ihre Augen wieder öffneten und sich ausgiebig streckten. Die Sonne stand tief, doch nur noch tiefer stand Thomes Stimmung. Sein Schädel dröhnte ihm noch mehr als zuvor und der Bär in seinem Magen knurrte, als drohte er ihm den Magen aufzuschlitzen, wenn er nicht bald etwas zu Essen bekam. Mylea lachte. „Hast du auch Hunger, Papa?“
Doch ihr Vater konnte sich nur ein müdes Lächeln abringen. Ja, das hatte er. Und da sie keinen einzigen S’dinn mehr in ihren Taschen hatten, mussten sie wohl auf langfingrige Art und Weise zu Nahrung kommen. Er hasste Diebe, doch noch mehr hasste er sich selbst dafür, dass er nun stehlen gehen musste. Aber wie hast du dir das auch vorgestellt? Das ganze Geld in die überteuerte Überfahrt zu stecken und dann von Luft und Liebe leben?, fragte er sich selbst und schüttelte den Kopf – nicht ohne ein grausiges Ziehen zu verspüren, dank des Schwertknaufs vor wenigen Stunden.

Der Marktplatz war nicht besonders weit entfernt, man brauchte bloß dem zunehmenden Lärm von Leuten zu folgen, die ihre Waren lautstark anpriesen. Selbst, als es bereits finster wurde, herrschte noch reges Treiben. Doch eine Sache hatte er nicht bedacht beim Stehlen: In einem Land, dominiert von Menschen, die nicht unbedingt viel übrig für Mannkinder hatten und sie bei jedem Schritt, den sie machten, argwöhnisch beobachteten, war das entwenden von Waren ein sehr gewagtes Unterfangen. Besonders für jemanden, der keine Erfahrung darin hatte.
„Wage es nicht, mir etwas zu klauen, verschiss-“, brüllte ihn ein Bäcker an, dessen Brot himmlisch duftete. Doch bevor er zu sehr mit Schimpfwörtern um sich schmeißen konnte, hielt der Dwygel seiner Tochter die Ohren zu.
Stunden verstrichen, ohne auch nur eine einzige Gelegenheit gehabt zu haben, sich etwas zu stibitzen. Selbst, als er zu betteln begonnen hatte – was weit unter seiner Würde lag, aber in diesem Fall die letzte Möglichkeit war –, bekamen sie nichts. Der gesamte Marktplatz war ein Haufen von geizigen Gaunern in seinen Augen. Gaunern ohne Herz.
Mit gesenktem Kopf marschierten sie weiter und wollten die Stände mit der brüllenden Händlerschaft verlassen. Doch kurz bevor sie den letzten Stand passiert hatten, sprach ihn jemand an: „He, siehst aus, als könntest du einen Schnaps vertragen.“
Verwundert sah der Dwygel hoch. Ein relativ junger Kerl – zu jung, um einen Stand mit Hochprozentigem zu betreiben, wie er fand – der selbst nicht sonderlich glücklich schien. Mylea ließ die Hand ihres Vaters los und tapste an den Tisch heran und betrachtete die verschiedenen Flaschen. Wundersam glitzerten sie und reflektierten das wenige Licht der Dämmerung, brachen es und erzeugten die schönsten Farbspiele.
„Was ist das?“, fragte sie und in ihren Augen funkelte kindliche Neugierde.
„Schnaps, mein Kind. Also nichts für dich, wie ich fürchte.“
„Schade. Dabei sind die Flaschen so schön bunt.“
„Ja, das sind sie“, stimmte der Händler zu. „Ich hab da eine Idee. Du suchst dir jetzt eine Flasche aus, von der dein Vater und ich jetzt kosten. Er kann dir dann erzählen, wie der Schnaps geschmeckt hat, in Ordnung?“
Mit strahlendem Lächeln nickte das Kind und ohne lange zu zögern deutete sie mit ihrem kurzen Zeigefinger auf eine bauchige, blaue Flasche.
„Aah, eine gute Wahl! Da wird sich dein Vater bestimmt freuen.“
„Ich kann aber nicht zahlen“, gestand Myleas Vater.
Doch der Schnapshändler winkte ab, griff unter den Tisch und holte zwei kleine Schnapsgläser hervor, die er mit der blauen Flüssigkeit befüllte. In einem einzigen Zug wurden beide geleert und aufgrund der Schärfe des Getränks musste der Dwygel heftig husten. „Was … war das?“, fragte er schockiert, als hätte er soeben einen Anschlag überstanden.
„Haha!“, machte der Mann, der nach dem Getränk nicht einmal die Lippen kräuseln musste. „Das war Blaufeuerschnaps. Da kommen Dinge hinein, deren Namen ich selbst nicht kenne. Mein Meister hat mir erzählt, dass man früher damit Bomben häufig gefüllt hat.“
„Und so etwas trinken wir!?“, entfuhr es dem Dwygel.
„Tja, da hat deine Tochter wohl genau den richtigen Fusel gewählt.“ Er sagte es nicht, ohne zu grinsen. Doch dann beugte er sich ein wenig nach vor und begann zu flüstern. „Hey, deine Tochter, was ist mit ihr? Sie wirkt ein wenig müde. Kann sie bei dem städtischen Lärm nicht schlafen?“
Der Dwygel schüttelte den Kopf. „Sogar ganz im Gegenteil. Sie ist krank.“ Mit schwerem Herzen seufzte er. „Schwer krank sogar … und zum Hofalchemisten lässt man mich nicht durch. Er war unsere letzte Hoffnung.“ Eine Träne kullerte ihm die Wange hinunter und seine Stimmung wurde wieder trüber. Für gewöhnlich schüttete er nur ungern sein Herz aus – besonders bei Fremden –, doch wenn einmal ein freundliches Gesicht in solch ungewohnten Umgebung Interesse bekundete, war es eine sehr erleichternde Gelegenheit.
„Du willst zu Meister Khragan?“
„So nennt man ihn scheinbar, ja.“ Er blickte zu seiner Tochter, die sich etwas distanziert hatte und einen Stein vor sich her trat.
Der Schnapsverkäufer grinste plötzlich frech. „Ich bin Meister Khragans Lehrling. Leider reicht mein Können noch keinen Meter; das Einzige, das ich kann …“, er seufzte laut, „na ja, du siehst es eh: Ich brenne Schnaps in meiner Freizeit und verkaufe ihn, um wenigstens ein bisschen über die Runden zu kommen. Der Verdienst als Lehrling ist nicht sonderlich gut, muss ich gestehen.“
Langsam wandte der Dwygel den Blick von Mylea ab, starrte in die Leere und zog die Stirn kraus. Er glaubte, sich soeben verhört zu haben.
„Du hast schon richtig gehört.“ Das Grinsen wurde breiter. „Wenn du möchtest, kann ich euch morgen zu ihm hinbringen.“
Die Tränen vermehrten sich in Thomes‘ Augen. „Das würdest du wirklich tun?“
Nicht alle Menschen waren also schlecht.

3

Die Räumlichkeiten des Hofalchemisten waren unordentlich. Überall lagen Bücher – zum Teil aufgeschlagen –, Manuskripte, Schriftrollen, Tintenfässer samt Federn, seltsame Pflanzen – die einen getrocknet, die anderen noch lebend in Töpfen –, Flaschen, seltsame Apparaturen und vieles mehr. Der Dwygel war völlig überfordert mit diesem Saustall und wusste nicht so recht, wohin er seine Augen richten sollte. Mylea saß auf einem Tisch und ließ ihre Beinchen baumeln. Gespannt sah sie Meister Khragan beim Stöbern zu. Alles, was er glaubte zu brauchen, warf er in eine Schale.
„Ihr könnt ihr doch helfen, oder, Meister Khragan?“, fragte sein Lehrling mit etwas Skepsis. Scheinbar hatte er seinen Lehrherren noch nie so durcheinander erlebt. Für gewöhnlich schien alles etwas gesitteter zuzugehen.
„Ja ja, stör‘ mich nicht, Funke!“
Danach begann er einige der Zutaten mit dem Mörser zu bearbeiten, kochte wiederum andere und so weiter. Es wirkte wie ein Experiment, bei dem alles passieren konnte. Währenddessen prahlte der Lehrling Funke damit, wie toll sein Lehrmeister war. „Wusstest du, dass Meister Khragan dem mysteriösen Drachenzahn alle Geheimnisse entlockt hat? Zuvor war es ein großes Risiko, diese Blume zu verwenden, nun ist es kinderleicht, wenn man Meisters Richtlinien befolgt!“
„Funke, halt den Mund! Ich versuch‘ mich hier zu konzentrieren.“
Der lange, weiße Bart des Alchemisten wurde wie eine Fahne hinter ihm hergezogen, als er hin- und herhuschte wie ein Küchenchef von Topf zu Topf.

Mylea war in der Zwischenzeit eingeschlafen und man musste sie wecken.
„Ich verabreiche ihr nun diese Tinktur“, erklärte der Alchemist und hob das Kinn des Mädchens. „Sie wird die Krankheit zurückdrängen und ihre Ausbreitung verhindern. Das Kind wird nicht mehr so müde sein und ihr Schlaf wird viel erholsamer. Schon bald ist sie wieder voller Energie!“
Der Dwygel ballte aufgeregt die Fäuste und schielte auf die grünlich-blaue Flüssigkeit. Doch als er den Blick des alten Mannes sah, erkannte er, dass etwas nicht stimmte. „Das ist doch gut, oder nicht?“
„Es ist gut“, sprach der Alchemist und nickte. „Jedoch wird sie sehr anfällig für Kälte sein … Und die Winter hier am Festland sind rau.“
„Was meint Ihr mit ‚anfällig für Kälte‘? Wird sie sich häufig verkühlen, oder wie?“
Meister Khragan zögerte. Der alte Mann lehnte sich zurück, sah zur Decke hoch und rang innerlich nach den richtigen Worten. „Kälte könnte ihren Tod bedeuten.“
Das Mädchen verstand die gesprochenen Worte nicht so recht und drückte sich an ihren Vater. Sie erkannte nur, dass das momentane Thema äußerst ernster Natur war und schien leicht verängstigt.
„In Karlitien sind sie auch nicht besonders von Wärme erfüllt.“ Der Dwygel sah dem Alchemisten tief in die Augen. Sein Herzschlag wurde schneller. „Was sollen wir jetzt tun? In den Süden? In die Wüste?“
Doch Meister Khragan konnte nur den Kopf schütteln. „Die Nächte dort sind ebenso frostig. Ich kann euch nur empfehlen, nach Blesien zu reisen. Dort ist es Sommer wie Winter, Tag wie Nacht gleich warm.“
Die Freude über diesen Tipp hielt sich jedoch in Grenzen. „Weiter zu reisen wird schwierig“, begann Myleas Vater. „Sie ist noch klein und wir haben nicht einmal mehr Geld, uns Essen zu kaufen.“
Meister Khragan zögerte kurz, lächelte jedoch anschließend, steckte ihm einen scheppernden Beutel zu und sagte: „Jetzt habt ihr genug, um eine lange Zeit über die Runden zu kommen.“
Thomes hob den Beutel vor seine Augen und konnte ihnen nicht glauben. „A-aber das können wir nicht annehmen!“
„Doch, doch … ich bekomme hier im Schloss ohnehin alles, was mein Herz begehrt. Da brauche ich die Bezahlung nicht unbedingt, die ich obendrein dafür erhalte. Also, nehmt es an.“ Doch der Dwygel versuchte sich noch immer zu sträuben. „Keine Widerrede.“
Thomes bekam feuchte Augen und versuchte sich zusammenzureißen. Dieser Mann hatte nicht nur seiner Tochter, sondern auch ihm das Leben zurückgegeben. „Ich danke Euch, Meister Khragan. Ich danke Euch von ganzem Herzen.“

Also ging ihre Reise weiter. Sie bezahlten eine Kutsche, die sie über Echenon die Küste entlang bis nach Lhus’hia führte – vom verlorenen Land aus Asche und Staub ins Land der leuchtenden Wälder –, von wo aus sie in der Hafenstadt Funera mit dem Schiff nach Blesien fahren wollten. Doch wen auch immer sie fragten, keiner der Kapitäne hatte viel Freude damit, zwei Mannkinder zu beherbergen. Scheinbar wurde Dwygeln hier nachgesagt, dass sie Unheil über einen brachten und Schiffe dadurch kenterten oder von Seeungeheuern angegriffen wurden. Also blieb ihnen nur der Landweg übrig. Das hieß, sie mussten durch Thomafall, dem Land von Schnee und Eis, und anschließend durch das Tor von Blesien. Der Dwygel war nur heilfroh, dass gerade das berüchtigte Sommerfenster im Kommen war und Thomafall dadurch auch halbwegs erträgliche Temperaturen hatte. Ansonsten hätten sie ein riesiges Problem gehabt. Trotzdem kaufte er Mylea eine dicke Jacke, Handschuhe, Stiefel und Haube, nur um auf Nummer sicher zu gehen, denn dieses Fenster war nicht von langer Dauer.
Der Weg war lange und kühl. Durch weite Steppen, vorbei an den Hainen Thomafalls fuhren sie und Kräutertees hielten die beiden auf der Kutsche warm. Und noch erfreulicher war eine Bekanntschaft, die sie auf der Kutsche gemacht hatten: Eine Dwygeldame, die ein wenig älter war als er, musste ebenfalls nach Blesien. Nharja war ihr Name und sie wollte dort in Flammstadt – der Name rührte von den immer lodernden Schmiedeöfen her – Verwandte besuchen.
„Warum ist das Mädchen denn so dick eingepackt?“, fragte die Dame neugierig. Die Temperaturen waren zwar etwas frischer, doch das Mädchen war eingepackt, als wäre die nächste Eiszeit in unmittelbarer Nähe.
„Ach, sie friert nur sehr schnell und ich will nicht, dass sie sich erkältet“, log er.
„Na so einen fürsorglichen Papa, den du da hast“, sagte sie zu Mylea in einer dieser nervigen Stimmen, die man gerne macht, wenn man mit kleinen Kindern redet.

Bald kamen Berge in ihre Sichtweite, es wurde noch kühler und ganz fern am Horizont konnte man auch bereits das mächtigste und höchste Gebirge des gesamten Kontinents erkennen: Ighlast’joll, was auch der Name des größten Berges darin war. Dort sollte Sagen zufolge der Ursprung des Winters liegen, die Winterperle. Wenn alle Stricke reißen, muss ich wohl die Winterperle zerbrechen, scherzte er in Gedanken und drückte seine Tochter an sich.
Einige Zeit später fuhren sie durch ein langes Tal, an dessen Ende eine gigantische Mauer ragte, die beinahe so hoch wie die Berge selbst schien.
„Papa, kuck mal! Die Mauer, die Mauer!“
Der Dwygel lachte. „Das, mein Schätzchen, ist das Tor Blesiens. Es soll die bösen Leute aus dem Land fernhalten.“
„Boa …“, staunte sie.
Schließlich kam die Kutsche vor dem Tor zum Halten. Die Wachen kontrollierten mitgebrachte Waren und die Reisenden. Plötzlich kam es zum Streit zwischen dem Kutscher und den Männern in Rüstung.
„Was soll das!?“, fragte einer der Männer in rauem Ton. Myleas Vater glaubte, dass der Soldat ihn zuvor finster angefunkelt hatte.
Doch der Lenker versuchte sich rechtzufertigen. „Sie haben gezahlt wie jeder andere auch. Woher soll ich denn wissen, dass sie nicht -“
Ein langes hin und her begann und die anderen Fahrgäste sahen die Dwygel mit finsterer Miene an. Doch Myleas Vater wollte nicht länger nur die Hälfte mitbekommen, sprang aus der Kutsche und ging nach vorne. „Wo liegt denn das Problem?“, wollte er mit gespieltem Mut wissen. Er hatte da leider schon eine Vorahnung.
„Dwygel haben Einreiseverbot!“, keifte ihn der Wachmann an.
Thomes zog eine Schnute und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Dwygel haben Einreiseverbot?“, wiederholte er. „Weshalb?“
„Das geht dich einen feuchten Kehricht an, verdammtes Mannkind!“
Wieder eines jener Worte, die er gar nicht leiden konnte. „Erstens, heißt es Dwygel. Und zweitens, komme ich von Karlitien bis hierher, nur um dieses Land zu besuchen. Soll der ganze Weg umsonst gewesen sein? Soll ich wieder umkehren!?“
„Ja.“ Der Wachmann umfasste seine Hellebarde noch fester. „Und weißt du, wie scheißegal mir das ist? Du und deine Sippe kommen hier nicht rein, ob du willst, oder nicht. An deiner Stelle würde ich nur nicht allzu viel herumzetern oder mich gar wehren. Verschwindet einfach.“
Ungerechtigkeiten, egal wohin man das Auge lenkt, dachte er und biss sich auf die Unterlippe. Dwygel hatten es zu dieser Zeit besonders schwer und das stieß ihm mehr als sauer auf. „Und wie stellst du dir das vor? Die Kutsche wird einreisen und ich soll mit meinem Kind zu Fuß wieder umkehren? Sag mal, hat man dir komplett ins Hirn geschiss-“, doch dann ermahnte er sich, nicht weiter zu sprechen. Das letzte Mal, als er so mit einem Wachmann geschimpft hatte, nahm es kein gutes Ende.
„Sag mal, hat man mit komplett was ins Hirn?“ Freude sah anders aus.
Die Atmung des Dwygels war wild, die Fäuste fest geballt. Er war zornig. Würde er nicht in dieses Land kommen, könnte das das Ende seiner Tochter bedeuten. ‚Die Winter hier am Festland sind rau‘, rief er sich die Worte von Meister Khragan zurück in die Gedanken. „Nichts … Es tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich werden.“ Ohne ein weiteres Wort oder seinen Blick zu heben, ging er zurück zu seiner Tochter, hob sie von der Kutsche, nahm sie bei der Hand und ging in die Richtung, von der sie kamen.
„Papa! Papa! Heißt das, wir sind auch böse Leute?“
Doch in seinen Augen sammelten sich nur Tränen der Wut und Verzweiflung. Er konnte ihr keine Antwort geben. Waren sie denn böse Leute? Waren Dwygel – waren Gnome – denn wirklich so schlecht, wie alle taten? Woher rührte nur dieser Hass gegen sie … woher nur?
„Was habt ihr vor?“, rief ihnen die Dwygeldame Nharja hinterher. Auch sie wusste nun nicht, wohin.
„Weg von hier, so schnell es geht“, rief er über die Schulter zurück. „In Thomafall bleibt es nicht lange so warm und sobald es nur ein wenig kälter wird …“
„Was ist dann?“

Sobald es kälter wird, stirbt meine Tochter …

Teil 2:  Der Gnom, der den Winter stahl – Teil 2

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