Der Gnom, der den Winter stahl – Teil 2

Heute geht es gleich mit dem zweiten Teil unserer Kurzgeschichten-Reihe „Der Gnom, der den Winter stahl“ weiter. Den ersten Teil findet ihr hier: Der Gnom, der den Winter stahl – Teil 1

Nach einer langen und beschwerlichen Reise, seine Tochter vor einer mysteriösen Krankheit zu retten, scheiterte Thomes schließlich an ein paar Wachen, die ihnen den Einlass nach Blesien verwehrten.

4

Die Dwygeldame Nharja hatte bereits aufgeholt und schritt nun neben ihnen her. „Wollt ihr den ganzen Weg zu Fuß zurückgehen? Wollt ihr nicht auf eine Kutsche warten, die wieder in die andere Richtung fährt?“
Doch Myleas Vater reagierte nicht und ging trotzig weiter. Fest hielt er die Hand seiner Tochter, die zu ihm hochblickte, als würde er ihr wehtun.
„Willst du denn nicht mit mir reden? Wie wollt ihr zurück?“
Plötzlich blieb er stehen, drehte sich wutentbrannt zu ihr und rief: „Zu Fuß! Siehst du das denn nicht!? Es gibt keinen anderen Weg, ich muss mit ihr irgendwohin, wo es halbwegs warm ist!“
Mit abwehrender Geste hob sie ihre Hände. „Jetzt aber mal ruhig hier. Warum der ganze Frust? Dwygel werden außerhalb Karlitiens nun einmal wie Dreck behandelt. Daran müsst ihr euch gewöhnen.“
Er ließ die Hand seiner Tochter los, ging ein paar Schritte von ihnen fort und brüllte in die Ferne. „Paaaah! Führt denn nicht irgendein dämlicher Gebirgspass in dieses verfluchte Land?“
„Papa …“, stammelte das Kind. So kannte sie ihn nicht.
Nharja schüttelte nur ihren Kopf. „Nein. Nun ja, eigentlich doch. Aber die kennen nur wenige und selbst für die sind sie lebensgefährlich …“, erklärte sie und legte dem traurigen Kind die Hand auf die Schulter. „Besonders für ein Kind. Wieso muss Mylea unbedingt in die Wärme? Ist sie … ist sie deshalb so dick eingepackt?“
Noch immer mit dem Rücken zu ihnen gewandt hob er seine Hände hinter den Kopf, fiel auf die Knie und krümmte sich zusammen wie eine sterbende Spinne. Lautstark heulte er los und raunte verzweifelt laut auf.
Sie ließ vom Kind ab und kniete sich besorgt zu ihm hin. „W-was ist denn los?“
Dicke Tränen fielen in das spärliche, trockene Gras. „Sie wird sterben …“
„Aber doch nicht wegen ein bisschen Kälte“, versuchte sie einzuwenden. „Sie ist doch ein gesundes, starkes Kind.“
„Nein … du verstehst nicht. Sie – sie war krank und ihr Heilmittel …“ Er konnte die Worte nicht fertig formen, das Schluchzen übermannte ihn. Doch sobald er sich wieder etwas beruhigt hatte, erklärte er es ihr.
„Dann sag das doch den Wachmännern! Sie können doch nicht ein Kind sterben lassen!“
Doch das habe keinen Sinn, meinte er. „Das sind Sturschädel … denen sind wir Mannkinder, wir Gnome schei- … denen sind wir egal.“ Er seufzte. „Entweder würden sie mir nicht glauben, oder die würden sogar noch behaupten, dass die Welt dadurch ein Stück besser werden würde, wenn es einen weniger von uns gäbe.“
Wie eine liebevolle Mutter streichelte sie ihm die Wange und sah ihm tief in die Augen. „Gemeinsam schaffen wir das. Versprochen“, sagte sie und lächelte sanft. „Ich werde euch helfen.“
„Das Sommerfenster sollte noch eine Zeit lang anhalten“, erklärte sie, als sie wieder gen Süden marschierten. „Nachts machen wir Feuer und tagsüber wärmt uns die Bewegung. Es wird schwer, ist aber machbar.“
„Aber was sollen wir tun, sobald der Winter einbricht? Egal, ob wir dann ein Heim haben oder nicht, Mylea ist dann verloren.“
Nachdenklich ließ sie ihren Blick durch die Wolken über ihnen streifen. „Hmmm … Dann darf sie eben ihre neue Bleibe nie verlassen und dort muss stets der Kamin brennen, oder so.“
Nicht ganz zufrieden mit der Antwort, prustete er einen Schwall Luft durch die Lippen. „Ich hoffe, das funktioniert.“
Sie wanderten weit und lange, doch die kurzen Dwygelbeine tragen einen selbstredend nicht so weit wie die eines großgewachsenen Menschen. Thomes versuchte sich im Feuermachen und lernte täglich dazu. Doch trotz des Feuers war dem Kind fürchterlich kalt, weshalb sich die drei eng aneinander kuschelten und Mylea in ihrer Mitte hatten. Diese Nähe führte zu dem Gefühl von tiefer Verbundenheit zwischen Nharja und Thomes und Tag für Tag konnten sie sich besser leiden.
Doch eines Morgens wachten sie auf und etwas Schreckliches war geschehen. Thomes öffnete zaghaft seine Augen und erschrak. „Nein …“
„Was ist los?“, fragte Nharja noch mit geschlossenen Lidern und verschlafener Stimme.
„Das Sommerfenster … es schließt sich.“
Erschrocken fuhr die Dwygeldame hoch und sah sich um. Außerhalb ihrer kleinen Grotte fielen mit gemächlich weiße Flocken vom Himmel hinab. Es war kalt und Mylea hustete. Der Schnee blieb noch nicht liegen, doch die Temperaturen waren gefallen, was die beiden zutiefst beunruhigte. „Was machen wir jetzt?“
„Hoffen, dass es bald wieder aufhört.“
Mylea war aufgewacht. „Was ist das für seltsamer Regen, Papa?“
„Das, mein wunderbares Kind, ist Schnee.“ Traurig sah er sein Kind an und fuhr ihr übers Haar.
„Schööön“, sagte sie und lächelte. Ihre Lippen waren blau.

Doch der Schneefall nahm zu, verschlimmerte sich und die Kälte streckte ihre gierigen Finger nach ihnen aus. Thomes war losgezogen, um Tannenäste und -zweige zur Grotte zu bringen, um den Eingang ein wenig abzudichten, damit der Frost sie möglichst in Ruhe ließ. Sobald dies erledigt war, heizte es sich darin wohlig warm auf.
Nharja und Thomes unterhielten sich. Was sollten sie tun? Den ganzen Winter – der hier in Thomafall drei Viertel des Jahres einnahm – ausharren?
„Nein … das wird ihren Tod bedeuten“, erklärte er mit feuchten Augen. „Aber wenn wir weiterreisen, hat es dasselbe Resultat.“
Nharja nahm ihn in die Arme. Er hatte recht, für Mylea war es hier früher oder später zu Ende. Diese Höhle würde sie wohl nicht mehr lebend verlassen. Sie hatten es sich bereits wohnlich eingerichtet – wenn man denn Tierfelle als wohnlich bezeichnen konnte, die als Decken und Teppiche Verwendung fanden. Aber sie konnten nicht ewig hier bleiben. Sie hatten nun schon mehrere Wochen hier verbracht und das Sommerfenster war nun ohne Zweifel geschlossen.
Eines Nachts brach plötzlich tobender Wind herein, pustete das Feuer aus und wollte nicht mehr gehen. Die Tannenäste waren weggedrückt worden und Thomes versuchte mit aller Kraft, die Lücken zu schließen. Entkräftet wachte er am nächsten Morgen auf und der Frost hatte sich die Höhle wieder zurückerobert. Mylea frierte, ihr Blick war leer, ihre Haut weiß und ihre Lippen in ein eisiges Blau gehüllt. Er entfachte wieder Feuer, dichtete den Eingang mit noch mehr Zweigen ab und weinte sich in den Schlaf. Seine Tochter war an diesem Tag nur knapp dem Tod entronnen.

„Das kann und wird noch öfter passieren“, sagte er beim abendlichen Verzehr eines Schneehasens.
Nharja saß beim schlafenden Kind und legte die Hand auf das Fell, das Mylea zudeckte. Mylea war schwer angeschlagen und benötigte Ruhe. „Ja. Aber was sollen wir dagegen tun?“
Doch Thomes kannte keine Antwort. Woher auch? Doch als sich in dieser Nacht dasselbe Spektakel erneut abspielte, reichte es ihm am nächsten Morgen. „Ich muss etwas unternehmen! Irgendetwas!“
Nharja fasste ihm an die Hand, die er schlagartig wegzog. „Was willst du denn unternehmen? Du bist nur ein Mann. Wie willst du den Winter aufhalten?“
Zornig schüttelte er seinen Kopf, stellte eine Kanne mit Schnee übers Feuer, um heißes Wasser für Mylea bereitszustellen, und rief: „Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht …“ Doch sein Blick fiel auf einen Stein von bläulicher Färbung, der beinahe Rund war. „Oder … oder vielleicht doch?“ Ihm war etwas eingefallen. Etwas Wahnwitziges. Aber … das war doch bloß eine Legende, eine Geschichte für Kinder, oder?
Nharja schenkte ihm eine fragende Miene. Der Dwygel sprang auf. „Es gibt da etwas, das ich für sie tun kann.“ Entschlossen fügte er hinzu: „Ich werde die Winterperle zerbrechen.“
„Du willst was?“ Die Dwygeldame hätte wohl gelacht, wenn sie den Ernst in seinen Augen nicht erkannt hätte.
„Das ist das Einzige, das ich für sie tun kann“, erklärte er. „Sie ist ohnehin des Todes. Doch sollte sich diese Legende bewahrheiten, dann wird das meiner Tochter das Leben retten!“
Nharja schwieg und starrte in die Leere. „Das ist doch Wahnsinn!“, rief sie plötzlich. „Willst du als ihr Vater nicht bei ihr sein, wenn sie stirbt?“
Sein Blick war nicht zu deuten, als er auf sie zuging und sich zu ihr hinkniete. „Du wirst bei ihr sein und über sie wachen. Ich vertraue dir ihr Leben an.“
Doch in Nharjas Gesicht legte sich Missmut. „Du verlangst zu viel von mir. Wenn sie stirbt, während du nicht da bist, dann wirst du mich ewig -“
Unvermittelt schnitt er ihr das Wort ab: „Wenn sie stirbt, dann wird wenigstens ein liebendes Wesen bei ihr sein. Ein Wesen, das Mylea lieb gewonnen hat, ein Wesen, das ich liebe.“ Ohne zu zögern, küsste er Nharja.

5

Schweren Herzens verließ er die beiden. Mylea war schon wieder fitter und todunglücklich darüber, dass ihr Vater sie verließ. Doch auch Nharja ließ ihn nicht allzu gerne gehen. Mit insgeheimer Sehnsucht dachte sie an den Kuss, hätte ihn wiederholt, doch es blieb eine einmalige Sache. Was wäre, wenn Thomes nicht zurückkehren würde? Sie wollte gar nicht daran denken, dass er sterben könnte. Ighlast’joll war ein gefährliches Gebirge, und das mächtigste in ganz Hyderia obendrein. Wenn er in eine Gletscherspalte stürzen oder erfrieren würde … sie könnte es sich nie verzeihen, ihn gehen gelassen zu haben. Doch auch ihre Aufgabe war nicht von minderem Wert; Mylea am Leben zu halten, damit ihres Vaters Mission nicht umsonst war, war ihre höchste Priorität.
Liebevoll hatte sie ihm Proviant eingepackt – Fleisch, Wurzeln und vieles mehr. Eine innige Umarmung und ein kränkliches Kind, mehr hatte er ihr nicht hinterlassen. Stirb mir bloß nicht, Thomes …

Tagelang war Thomes unterwegs und legte mit seinen kurzen Beinen im tiefen Schnee weniger zurück, als ihm lieb gewesen wäre. Doch sein Ziel verlor er nie aus den Augen und in dem Moment, in dem er den ersten Fuß auf den gigantischen Felsen gesetzt hatte, erkannte er erst die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens. Ighlast’joll war zu mächtig, um darin im Alleingang einer Legende nachzujagen. Doch dann ermahnte er sich seiner Tochter zuliebe wieder, die Zähne zusammenzubeißen. Sie durfte nicht sterben, nicht ohne alles Erdenkliche dagegen unternommen zu haben.

Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, als er durch eine lange, talähnliche Felsspalte marschierte. Klitzekleine Eiskristalle schienen ihm die Haut aufzureißen und bissen ihm in die Nase. Doch aufgeben kam nach wie vor nicht infrage. Die Anstrengung des Aufstiegs vertrieb ihm die Kälte aus dem Körper, nur Finger und Zehen klagten und wirkten wie betäubt.
Am dritten Tag des Aufstiegs, als er auf dem Gipfel eines kleineren Berges des Ighlast’joll war – er kannte nur den Namen des höchsten Gipfels, der auch namensgebend für das Gebirge war –, war der Himmel wolkenfrei und selbst der Nebel hing nirgends, nicht so, wie es sonst der Fall war. Die Aussicht war grandios, er glaubte beinahe, den gesamten Kontinent überblicken zu können. Ein unbeschreibliches Gefühl der Macht und Liebe breitete sich in ihm aus. Er hatte es bis hier hoch geschafft, im Alleingang, und konnte nun ein wahrlich wunderschönes Land überblicken. Unendlich scheinendes Weiß, das am Horizont immer mehr in Blau mündete. Wie ein Gemälde der alten Meister wirkte es. Nur wenn er sich umdrehte, verflogen all diese Gefühle wieder. Er atmete die kalte Luft tief ein und betrachtete mit Argwohn den Ighlast’joll. Der Berg war ihm nun so nahe wie noch nie und mit all seinen steilen Felshängen, vereisten Passagen und tiefem Schnee wirkte er so unwirtlich, wie nur irgend möglich. Doch jetzt war er so weit gekommen und ein Umkehren war nicht mehr möglich. Nicht nach all den erlittenen Strapazen. Er biss in eine fast gefrorene Hasenkeule, lutschte an etwas Schnee, um sich mit Flüssigkeit zu versorgen, und ging weiter.

Alles, was der Dwygel bisher in diesem Gebirge erlebt hatte, war nicht mit dem Aufstieg auf den Ighlast’joll selbst zu vergleichen. Es war beschwerlich und das Vorankommen verzögerte sich mehr als bei jedem anderen davorgehenden Berg. Schweißperlen liefen ihm übers Gesicht und gefroren augenblicklich, egal wie tief er sich in seinem Schal zu verstecken versuchte.
Er kletterte eng an eine Felswand geschmiegt einen Abgrund entlang, hielt sich so gut er konnte fest und ermahnte sich stets, nicht nach unten zu blicken. Wo die Winterperle – wenn sie denn wirklich existierte – wirklich steckte, war ihm nach wie vor ein Rätsel, doch er ging einfach dorthin, wohin ihn sein Gefühl führte. Er glaubte, sie müsse dort sein, wo es am kältesten war und wenn seine Vermutung stimmte, dann war er auf der richtigen Spur, denn es wurde zunehmend frostiger.

Auf seinem Weg begegnete er mehrmals Bergziegen, mit so wuchtigem weißen Fell, dass sie unter dem Gewicht eigentlich erdrückt werden müssten. Ihr Geblöke machte ihn wahnsinnig und störte seine Konzentration. Doch sie zu verscheuchen wagte er nur ein einziges Mal. Sie waren zwar neugierig, doch wurden bei seinem Gebrüll aggressiv und Thomes wollte nicht zwingend erst von ihren Hörnern getroffen und anschließend den Berg hinuntergeschubst werden. Der Fall wäre lang und tief und der Aufprall nicht nur letal, nein, er wäre wohl bis in die Unterwelt Hesaria hindurchgebrochen.

Doch eines Tages entdeckte er schließlich von der Ferne eine Höhle, um die das Eis nur so wie Unkraut wucherte. Glattes, glänzendes Blau, das wie ein Kranz den Eingang umrahmte und das Sonnenlicht verspielt reflektierte. Thomes war sich sicher: Dieser Eingang führte ihn zur Winterperle!
Vorsichtig schritt er weiter, denn die Bergziegen trieben auch hier ihr Unwesen. Als würden sie sich von der Kälte ernähren, dachte der Dwygel.
Eine Mischung aus unendlicher Hoffnung und großer Furcht, dass seine Erwartungen jeden Moment platzen könnten, breitete sich in ihm aus. Was, wenn darin doch nicht der Ursprung des Winters lag? Sie muss einfach dort sein … Sie muss!
Mehrere Schneewehen erzeugten den Anblick einer Wüste und Dünen aus glitzerndem Schnee. Er machte einen Schritt und plötzlich brach die Schneedecke. Einen vereisten Abgrund entlang schlitterte er nach unten in die Finsternis.

6

Als er wieder erwachte, war ihm eisig kalt. Dort, wo er gelandet war, funkelten und leuchteten seltsame Kristalle in schillernden Farben. War er in eine Gletscherspalte gefallen? Wenn ja, war dies keine gewöhnliche. Er ging einen langen Gang entlang, in dem die Decke tief hing. Ein Mensch hätte sich schwer getan, hätte wohl robben müssen, doch Thomes musste nur den Kopf ein wenig schräg halten. Am Ende kam er an einen Abgrund, der in einen breiten Kessel mündete, als habe dort vor Millionen Jahren ein Meteorit eingeschlagen. Wieder waren überall die leuchtenden Kristalle, doch auch eisige Gebilde tummelten sich zwischen ihnen. Aber in der Mitte war eine kleiner Erhebung, ein Podest, über dem etwas Langersehntes schwebte. Thomes glaubte seinen Augen nicht. Die Winterperle existierte also tatsächlich. Er warf sich auf seinen Hintern, rutschte in den Kessel und knallte gegen einen Eiskristall, der in tausend Teile zersprang. Plötzlich sprangen einige der eisigen Gebilde und drehten sich zu ihm hin. Unendlich viele Augen sahen ihn an und ihm wurde ganz mulmig zumute. „S-sind das … Eisgeister?“, fragte er sich, ohne genau zu wissen, wovon er sprach.
Von Ungewissheit erfüllt, was diese Elementarwesen als Nächstes tun würden, stand er vorsichtig auf und sah sich um. Die Kreaturen waren durchgehend durchsichtig, teils kleiner, teils größer als er und schienen neugierig. Einige machten mutige Schritte auf ihn zu, doch wenn er einen Schritt nach vorne machte, huschten sie zurück. „Sie haben also mehr Angst vor mir, als ich vor ihnen“, nuschelte er. „Sind das … die Wächter der Winterperle?“
Er ging weiter, immer in Richtung der Winterperle und die Meute der Eisgeister teilte sich vor ihm, als wollten sie ihn bewusst durchlassen. Er blickte nach oben. Der kegelförmige Raum mündete oben in einem Loch in der Wand. Das ist also der Höhleneingang, den ich zuvor gesehen habe, dachte er und überlegte, dass der Sturz von dort oben bestimmt verheerender gewesen wäre, als die Rutschpartie durch die Gletscherspalte.
Kurz vor der Winterperle stellte sich ihm ein für ihn kniehoher Eiszapfen in den Weg – wenn man bedenkt, wie hoch das Knie eines Dwygels angesiedelt ist, wirkte das Wesen also nicht sonderlich einschüchternd. Mit großen, kristallinen Augen sah es ihn flehentlich an. Würden auch die Eisgeister sterben, wenn die Winterperle zerbrach? Ein ungutes Gefühl, ein schlechtes Gewissen plagte ihn plötzlich. Sollten so viele Leben – lebten sie denn überhaupt – auf Kosten seiner Tochter weichen?
Er starrte das Objekt, das über dem Sockel schwebte, eindringlich an. Die Winterperle war von plumper Schönheit. In einem eisigen, von der Mitte aus pulsierendem Blau ruhte sie und strömte unsagbare Kälte aus. Thomes konnte spüren, wie seine Haut spannte, als er davor stand. Sie stieß weißen Nebel aus, denselben, den man auch beim Ausatmen bei frostigen Temperaturen von sich gibt. „Sie lebt …“, stellte er schließlich fest.
Doch sie unternahm nichts und strahlte bloß wie eine eisige Sonne Eiseskälte aus. Thomes stieß mit seinem Fuß den Eisgeist zur Seite, da er vor einem großen Stein stand. Er nahm ihn und zögerte kurz, wägte ihn in der Hand den Folgemoment ab.
Ich werde den Winter stehlen und meiner Tochter das Leben retten …
Plötzlich knallte der Gesteinsbrocken gegen die Winterperle. Von innen heraus färbte sie sich langsam schwarz, wie eine Krankheit breitete sich das Dunkel in ihr aus und von einen auf die andere Sekunde begannen feine Risse in ihr zu entstehen. Mit einem dumpfen Ton zerbrach sie plötzlich in zwei Teile und eine letzte Welle aus Frost entkam ihr. Thomes musste sein Gesicht hinter seinem Ärmel verstecken, mit solcher Kraft kam es auf ihn zu.
Doch von einer auf die andere Sekunde brach ein heilloses Durcheinander in der Höhle aus. Die Eisgeister überschlugen sich und panische, schwingende Schreie erfüllten die Luft. Hatte er das Richtige getan?

7

Nachdem er es endlich geschafft hatte, sich aus der Höhle der Winterperle zu befreien und wieder das wärmende Licht der Sonne auf seiner Haut zu verspüren, bemerkte er, wie Windstill es war. Es war noch immer kühl – er hätte auch nicht angenommen, dass es schlagartig Sommer werden würde –, doch etwas war anders. Die Stille, die in der Luft hing wie ein Schleier, machte ihn nervös. Der Himmel war wolkenfrei und kein Lüftchen ließ sich darauf ein, sich zu rühren. Doch er versuchte es zu ignorieren und marschierte munter weiter. Er hatte es endlich geschafft, Mylea war gerettet.

Der Rückweg dauerte nicht so lange, wie der Weg hin. Einerseits, weil es nun größtenteils bergab ging, andererseits, weil der Schnee im Verlauf der Tage immer weniger wurde. Es war nicht so, als würde er rasant dahinschmelzen, doch es wirkte, als wäre der Frühling im Kommen.

Am Feuer erzählte Nharja eine Gutenachtgeschichte. Es war nicht die erste, seit Myleas Vater aufgebrochen war, um einem Mythos hinterherzujagen. Das Mädchen, geschwächt von der Kälte in ihren Knochen, horchte nur mehr halben Herzens zu und nickte andauernd ein. Nharja strich dem Kind das lange Haar aus dem Gesicht, das kurz darauf einschlief. Seitdem Thomes weg war, war noch zwei weitere Male der Wind in die Grotte eingebrochen und hatte die Äste zur Seite gedrückt. Mylea war schwer krank und schlief beinahe durchgehend. Als Nharja die Bestätigung für das Einschlafen der Kleinen vernommen hatte, brach sie in Tränen aus. Mylea war so ein liebes Kind und dennoch so vom Schicksal gebeutelt. Und sie, Nharja, wartete auf Zweierlei: Einerseits darauf, dass Myleas Vater wiederkehren würde – was womöglich nie geschehen mochte – und andererseits darauf, dass das Kind starb. Es trieb ihr das Wasser in die Augen, nur daran zu denken. Doch Mylea würde bald aus Leben gerissen werden und sie konnte nichts dagegen unternehmen. Es war aussichtslos …

Am nächsten Morgen machte Nharja einen kurzen Spaziergang, solange das Kind schlief. Der Tag war überraschend schön und eine unwirkliche Stimmung ummantelte das Land. Der Schnee war tief und frostig, doch die Sonne war überraschend warm. Hat er es geschafft?
Kein Wind strich über die weiten Ebenen.

Tage später machte sie einen erneuten Spaziergang und suchte nach Wurzeln. Der Schnee wurde immer weniger, schmolz unaufhörlich. Thomes hatte es geschafft, sie wusste es. Er hatte tatsächlich die Winterperle zerbrochen. Doch aus irgendeinem Grund konnte sie sich nicht darüber freuen. Irgendetwas schien nicht richtig daran zu sein. Irgendetwas war völlig falsch daran.
Doch auf dem Weg zurück zu Mylea in ihre Behausung, sah sie aus der Ferne einen dunklen Fleck. Es war eine Person, die sich zu ihr hinbewegte. „Thomes …“, sprach sie zu sich selbst. „Thomes!“
Plötzlich ließ sie die Knollen und Wurzeln, die sie soeben ausgegraben hatte, fallen und lief auf ihn zu. Erst, als sie ihm um die Arme fiel, verspürte sie wieder Freude. Sie küssten sich und drückten sich fest aneinander. Ihr Geliebter war wieder zurück und jetzt konnte eine neue Zukunft beginnen.
Als Mylea ihren Vater wiedersah, sprang sie hoch und warf alle Tierfelle von sich. „Papa!“, rief sie voller Glück und hing sich um seinen Nacken.
„Ich habe etwas Großes für dich vollbracht, mein Kind.“
Mylea schluchzte. „Was, Papa? Was?“
„Ich habe den Winter gestohlen. Nur für dich“, erklärte er. „Von nun an wirst du nie wieder krank sein. Das verspreche ich dir.“

Teil 3:  Der Gnom, der den Winter stahl – Teil 3

2 Gedanken zu “Der Gnom, der den Winter stahl – Teil 2

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